Wir sind auf dem Weg nach Hundwil. In St. Gallen haben wir Alessandro und Dominique aufgegabelt, die mit gepacktem Rucksack aus Zürich angereist sind. Stefan und Doreen sind bereits an Bord. Wir treffen uns mit Katja, Nicole und Thomas beim Restaurant Bären. Unser Team ist komplett. Zum ersten mal. Die Vorbereitung unserer Reise zum Selvaggio Blu auf Sardinien fand ohne grosse Meetings, nur über Mail, Skype und Whatsapp statt. Wir laden unsere sechs Seekajaks, Westen, Spritzdecken, Kochmaterial und Wassersäcke auf unsere zwei Autos und machen uns auf den Weg nach Genua. Auf der Fahrt ist Zeit, die neuen Teammitglieder näher kennenzulernen.

Die Fahrt über den San Bernardino geht gut. Nur die Befestigung für die Kajaks und die lästige Warntafel am Heck müssen wir zweimal nachspannen. Dadurch haben wir das andere Auto längst aus dem Blick verloren. Wir sind spät dran für die Fähre und verpassen vor Genua auch noch die Ausfahrt zum Hafen. Doch als wir in der Schlange zum “Imbarchi” stehen, legt sich die Spannung. Wir sind rechtzeitig auf dem Schiff, stehen im Unterdeck mit Lastwagen, Wohnmobilen und dem weissen Sharan von Stefan mit den Kajaks auf dem Dach.

Wir machen es uns in der Pianobar gemütlich, trinken und essen die Reste vom Reiseproviant und prüfen den Wetterbericht. Die Vorhersage ist gut. Alle sind entspannt. Vor dem Abendessen werfen wir noch einen Blick auf die Landkarte und den Selvaggio Blu: Um 9:00 Uhr morgens werden wir in Olbia eintreffen, eine gute Stunde später in Cala Gonone sein, unsere Kajaks beladen und in Richtung Pedra Longa starten. Der Plan steht. Wir gönnen uns Lasagne und Rotwein im Bordrestaurant. Anschliessend beziehen wir unsere zwei Viererkabinen. Die haben wir uns reserviert, damit wir gut erholt auf den Selvaggio Blu starten können. Es wird schliesslich kein Strandurlaub.

Cala Gonone, unser Plan und die Wellen

Vor Mittag treffen wir in Cala Gonone ein. Das Meer ist ruhig, der Strand ideal zum Einwassern. Nur wenige Touristen flanieren an der Promenade. Zwischen den Restaurants und den Eisdielen gibt es einen Kajakverleih. Dort lernen wir Nicola kennen. Er ist überrascht über unseren Plan mit Kajaks und Trekking. In seinen über 15 Berufsjahren habe er viele Trekker auf den Selvaggio Blu gebracht und viele Kajaker getroffen aber noch niemanden, der die Kombination versucht habe.

Aber Nicola meint, die Wellen würden am Nachmittag hoch, zu hoch um rauszufahren. Wir grübeln: sollen wir trotzdem mit den Seekajaks starten oder einen Tag abwarten? Einen Tag Reserve haben wir eingeplant. Aber den wollen wir eigentlich nicht schon am Anfang aufbrauchen. Depots anlegen müssen wir auf jeden Fall.

Wir beschliessen schweren Herzens, uns mit dem Motorboot nach Pedra Longa oder Santa Maria Navarrese fahren zu lassen, unterwegs die Depots anzulegen und die Küste im Anschluss an das Trekking mit Seekajaks abzufahren. Nicola kann uns alle zusammen samt Proviant in seinem 200 PS-Motorboot fahren. Und wir können die Autos samt Kajaks bei ihm stehen lassen. Das macht die Sache etwas einfacher.

Wir gehen essen, machen die Menüplanung, einkaufen, alles sortieren und richtig für die Depots verpacken, Trinkwasser auffüllen. Über 120 Liter kommen mit. Anschliessend müssen wir die persönlichen Sachen neu packen. Vom Seesack in den Rucksack. Alles was mit Seekajak zu tun hat, bleibt im Auto. Und ja den Überblick nicht verlieren!

Am Nachmittag steht unser Gepäck mit dem Proviant im Hafen. Die drei Hafenpolizisten freuen sich, dass etwas läuft. Alessandro, Dominique und ich sind gerüstet für die Landgänge unterwegs. Wir verladen alles in Nicolas Motorboot. Es geht los!

Felsen, Strand und Höhlen sowie ein neuer Plan

Nicola ist warm eingepackt. Der Wind hat zugenommen und wir springen in seinem Motorboot über die inzwischen hohen Wellen. Vorne im Boot werden wir ordentlich durchgeschüttelt. Thomas und Alessandro haben ihm auf der Karte gezeigt, wo wir unsere Depots anlegen wollen. Wir freuen uns, die steile Küste mit ihren Höhlen und Buchten inspizieren zu können. Wo der Selvaggio Blu durchführt, erschliesst sich vom Meer aus nicht.

Nicola steuert die erste Bucht an. Die Kalkfelsen an der Küste sind spitz und scharf. Nicola bringt sein Boot so nah heran, dass wir an Land springen können, ohne jedoch mit dem Boot die Felsen zu berühren. Wir verstecken Lebensmittel und Wassersäcke.

Im Fjord Portu Porru ‘e Campu legen wir unser letztes Depot an. Das Wasser ist hier im schmalen Fjord etwas ruhiger. Aber als wir ihn wieder verlassen sind die Wellen noch höher. Nicola runzelt die Stirn und meint, dass er in Pedra Longa nicht wird anlanden können. Und bis nach Santa Maria Navarrese wäre es eine weitere Dreiviertelstunde auf dem Motorboot. Wir entscheiden, zurück nach Portu Porru ‘e Campu zu fahren und von dort auf den Selvaggio Blu zu starten.

Die Landung ist hier besonders knifflig. Aber nach einer guten Viertelstunde sind wir alle samt Gepäck und Proviant an Land. Nicola verabschiedet sich in seinem Motorboot schmunzelnd Richtung Cala Gonone. Jetzt sind wir auf uns gestellt.

Wir erkunden die Umgebung, bauen unser Lager und schleppen Gepäck und Proviant an. Das Depot lassen wir im Fjord. Durch die Planänderung haben wir Proviant für zwei Tage. Also muss ein neuer Plan her. Alles mitzutragen ist zu aufwändig, zurücklassen können wir es auch nicht. Wir beschliessen einen Erkundungstag einzulegen.

Am nächsten Tag erkunden wir die erste Etappe rückwärts. Sie hat keine Abseilstellen. Gurt und Seil haben wir trotzdem im Gepäck. Der Weg ist steinig und es ist heiss. Wir kämpfen uns durch Gebüsch und suchen immer wieder den Weg. Wir finden Spuren der Hirten, Wasserbecken und eine Badewanne. Die ersten Hirtenleitern, die wir entdecken, lassen uns staunen und hoffen: die knorrig und verdreht gewachsenen Wachholderstämme sind verkeilt an steilen Felswänden “befestigt”. Teilweise mit schnursenkeldicken Schnüren, teilweise ohne zusätzliche Fixierung. Wir testen und klettern. Es hält.

Gegen Mittag erreichen wir einen Aussichtspunkt und werfen erstmals einen Blick auf die steile Küste. Fasziniert stehen wir an der Kante zum Abgrund. Hier sollte es auch eine Höhle geben. Obwohl wir nahe und Allesandro auch weiträumig suchen, finden wir sie nicht. Wir essen, entspannen und machen uns auf den Rückweg.

Wir wählen eine alternative Route. Hier ist das Dickicht deutlich dichter. Stefan muss auf allen Vieren unter den Ästen hindurch kriechen. Wer nicht aufpasst reisst sich T-Shirt oder Haut auf. An einer Steilwand seilen wir ab, folgen dem Flusslauf und erreichen am späten Nachmittag unser Lager. Der erste Eindruck vom Trail: Wir waren fast den ganzen Tag unterwegs, haben jedoch nicht einmal ein Drittel der ersten Etappe absolviert, obwohl wir mit leichtem Gepäck unterwegs waren. Offensichtlich braucht man hier seine Zeit. Egal. Wir sind bereit.

Wir baden im Meer und entdecken unser Depot für den zweiten Tag. Die Eier für das Frühstück sind noch intakt. Zum Abendessen gibt es Bruschetta, Rotwein, Linsen und frisches Gemüse. Die erste Etappe ist sozusagen geschafft. Wir freuen uns jedoch darauf, morgen richtig zu starten. Gute Nacht Selvaggio Blu.

selvaggio blu035 - Wild und schön: Selvaggio Blu Tour 2016 (Teil 1)

Für die Fotos zu diesem Beitrag danken wir Alessandro Fischer (www.alessandrofischer.ch)

> Hier geht es zum zweiten Teil der Selvaggio Blu-Tour 2016

2017-12-02T12:51:25+00:00