Wir starten gut gestärkt vom englischen Frühstück mit Ei und Speck auf den Selvaggio Blu. Vor uns liegen vier Etappen, drei Depots mit Essen und Wasser, 8 Abseilwände und etwas Klettern. Die Distanz von etwa 40km bis Cala Gonone ist für eine 4-Tages-Tour eigentlich keine Herausforderung, aber die Höhendifferenzen sind mit 1000 Metern rauf und runter pro Tag kein Spaziergang. Unser Zielort heute ist Cala Goloritzè, der weisse Strand mit der Felssäule.

Von unserer Bucht Porto Pedrosu steigen wir auf. Nach etwa einer Stunde erreichen wir Portu Cuau, einen weiteren “Fjord”. Hier soll es in der Nähe eine Quelle geben. Alessandro, Stefan und ich mach uns auf die Suche. Wir schlagen uns durchs Gehölz und laufen die Hänge links und rechts des Tals ab.  Nach einer halben Stunde brechen wir jedoch erfolglos ab.

Zusammen mit den anderen geht es weiter auf dem Weg. Er ist teilweise kaum erkennbar und führt über Karstfelder, die nur aus Spitzen bestehen. Wir stöckeln darüber. Immer wieder erwischen wir eine falsche Route und immer wieder finden – auch dank GPS – auf den rechten Pfad zurück.

Ein Umweg und eine Planänderung

Auf einer Anhöhe erahnen wir den vor uns liegenden Weg entlang der Höhenlinien in ein tief eingeschnittenes Tal. Wir beraten und beschliessen die Abkürzung durch das Tal zu nehmen. Der Abstieg ist steil und verwachsen, aber auf den Geröllfeldern “surfen” wir bergab, was nicht immer ohne Schrammen klappt. Die Talsohle ist wild und schön. Wir suchen am gegenüberliegenden Hang die Stelle, die wir zum Hochklettern ausgespäht haben. Zum ersten Mal müssen wir richtig klettern. Der Kalk ist sehr griffig und alle kommen sicher oben an. Wir freuen uns, dass auch bei herausfordernden Planänderungen alle dabei sind. Das Team rockt.

Wir passieren eine Höhle und die ersten Hirtenhütten mit einem Stall, lose aus Wachholderstämmen geformte Gebäude. Wir haben die Hälfte der Etappe geschafft, machen Mittagspause und geniessen den Meerblick.

Am Nachmittag easy Walking. Trotzdem zeigen Stefans Schuhe erste Ermüdungserscheinungen. Die Sohle löst sich an der Verse ab und das bereits bei der ersten Etappe! Er nimmt es locker und die Schuhe werden zum Fotosujet. Beim Abstieg passieren wir spektakuläre Höhlen und das Tal, an dem wir morgen aufsteigen werden. Es erinnert uns an den Zigerschlitz. Und wir sehen Schweine, nicht wie vermutet Wildscheine sondern Hausschweine. Schliesslich schiebt sich die Felsnadel von Cala Goloritzé aus dem Gebüsch. Und darunter liegt der weisse Kiesstrand! Er ist wunderschön, wir sind alleine und unser Proviant ist da. Alles im Lot!

Klettern im Zigerschlitz und Abseilen mit Meersicht

Am nächsten Morgen steigen wir in den Zigerschlitz ein. Der hat es in sich. Es ist heiss, das Gebüsch ist nur hüfthoch und bietet kaum Schatten. Bald kommen wir an eine Kletterstelle bei der wir uns anseilen müssen. Alessandro klettert vor und sichert die anderen von oben. Das dauert und bietet Zeit zum Verschnaufen. Oben im Couloir hat es viel loses Gestein und am Ende eine vier Meter hohe Wand. Als Steighilfe ist ein Baumstamm mit Kerben zwischen den Fels und einen kleinen Baum geklemmt, ohne Schrauben, ohne Nägel. Stefan hält den Stamm, nicht nur als psychische Stütze.

Heute müssen wir richtig unten durch – durchs Gestrüpp. Der Rucksack schrammt an Ästen und Stämmen. Wir machen Pause mit wunderschöner Aussicht über das Meer. Plötzlich, mitten in der Wildnis kommen zwei Touristen nur mit Turnschuhen, ohne Rucksack daher. Wir sind irritiert. Alessandro spricht sie an und klärt das: Es gibt eine Stichstrasse bis zu einem Parkplatz, nur vier Minuten von hier entfernt. Wir sind erleichtert und klettern weiter, zwischen Felsen, Stämmen und Gestrüpp. Schliesslich erreichen wir die erste Abseilstelle. Alessandro installiert und instruiert. Dominique verteilt zur Beruhigung Isländisch Moos. Einer nach dem anderen gleitet in die Tiefe.

Kurze Zeit später erreichen wir die vermutlich meistfotografierte Stelle des Selvaggio Blu. Eine riesige, zum Meer hin offene Höhle mit Tropfsteinen. Wir sind fasziniert.

Unser heutiges Camp liegt auf einem kleinen Platteau ca. 50m über dem Meer. Die letzten Meter führen durch eine Wand in die ein leicht ansteigender Gang führt. Hier ist Gleichgewicht gefordert denn rechts geht es steil in die Tiefe. Auf allen Vieren kriechen wir durch. Wir finden unser Depot am Meer unversehrt, erfrischen uns im kalten Wasser und entspannen. Die heutige Etappe hatte es in sich. Die leckeren Älplermaggronen tun gut.

Ein Felssturz auf dem Weg nach Cala Sisine

Am nächsten Tag geht es durch ein Couloir steil und weglos in die Höhe. Vereinzelt gibt es Steinmännchen und blaue Punkte aber der Weg ist in dem steilen Gelände nur schwer zu finden. Immer wieder probieren wir Abschnitte, kehren um und versuchen erneut. Die Landschaft ist unglaublich schön. Der Blick auf das Meer, die Felsformationen mit Höhlen und Toren versehen.

Es geht in die Höhe, wieder runter zum Meer, wieder in die Höhe und immer durchs Gestrüpp. Die Stimmung ist gut, denn der Weg ist spektakulär. Wir erreichen eine Tropfsteinhöhle. Mit Stirnlampen aber ohne Gepäck steigen wir in die Tiefe. Die Höhle kühlt uns ab und beschenkt uns unerwartet mit Wasser.

Nach der Mittagspause passieren wir einen riesigen Felssturz. Nicola hatte uns im Motorboot berichtet, dass dieser im September 2015 abgegangen sei. Der abgebrochene Fels ist haushoch. Nun in dem Geröll zu stehen, ist beeindruckend. Das muss ein gewaltiges Getose gewesen sein, als dies Felsmassen ins Meer stürzten. Anschliessend führt der Weg nahe an der Felskante nach oben. Zudem ist er brüchig. Nervenkitzel!

Und der nächste folgt sogleich: zwei Abseilstellen. Inzwischen haben wir damit etwas Routine. Die Spannung schwindet, sobald wir über die Kante sind und die Aussicht auf das Meer geniessen können. Als wir die letzten Meter nach Cala Sisine durch den Wald zurücklegen, wird es dunkel. Wir waren 10 Stunden unterwegs. Dafür erwartet uns ein breiter, schöner Kiesstrand. Dominique und Doreen finden unseren Proviant. Alles klar! Wir essen das beste Risotto aller Zeiten.

Die letzte Etappe nach Cala Gonone

Die letzte Etappe nach Cala Gonone hat keine Kletter- und keine Abseilstellen mehr, dafür viele Höhenmeter. Jeder geht sein Tempo durch den Wald. Weiter oben scheint die Sonne. Es ist zäh. Aber der Ausblick auf die zurückliegende Etappe lohnt sich. Am Gipfel machen wir ein kurze Pause. Anschliessend spulen wir weiter Meter um Meter ab ins Tal. Die Landschaft ist schön aber wir waren schon motivierter unterwegs.

Wir haben nur noch wenig Wasser aber in Cala Luna soll es eine Bar geben. Die hat natürlich zu, Alessandro findet jedoch den Besitzer und der macht tatsächlich für uns auf. Wir bekommen Mineralwasser “con gas”. Herrlich erfrischend!

Auf dem letzten Wegabschnitt kommen uns immer mehr Touristen entgegen, mit Wasserflaschen, Kopftüchern und roten Köpfen. Schliesslich sind wir in Cala Fuili: mit Strand, Badegästen und Kletterern, die mit dem Auto gekommen sind. Denn hier beginnt die Strasse nach Cala Gonone. Als wir dort ankommen, treffen wir Nicola. Er freut sich und macht ein Gruppenfoto. Wir freuen uns auch. Der Selvaggio Blu ist geschafft, es war wunderschön!

Jetzt gleich auf die Kajaks? Wir wollen uns duschen, etwas essen und frische Kleider anziehen. Ein Hotelier bietet uns günstig zwei Appartements für eine Nacht. Das war nicht unser Plan, klingt aber gut. Gebucht! Die Kajaks halten auch noch eine Nacht auf dem Auto aus.

selvaggio blu143 - Wild und schön: Selvaggio Blu Tour 2016 (Teil 2)

Für die Fotos zu diesem Beitrag danken wir Alessandro Fischer (www.alessandrofischer.ch)

< Hier geht es zum ersten Teil der Selvaggio-Blu-Tour 2016

> Hier geht es zum dritten Teil der Selvaggio-Blu-Tour-2016 (Kajaken auf dem Meer)

2017-12-02T12:48:11+00:00